Presse

Heinrich Oßwald
 
Illertissen-Au
Als Heinrich Oßwald 1966 in einem Kongress in der Jahrhunderthalle in Frankfurt ein Kunststoffprofil in die Höhe hielt, hatte er eigentlich den Grundstock für eine erfolgreiche Laufbahn als mittelständischer Unternehmer schon gelegt. Doch sollte ihm der Auftritt vor der Fachwelt der Kunststoffbranche, die der Einladung der Firmen Farbwerke Höchst und Dynamit Nobel nach Frankfurt gefolgt war, den Ruf einbringen, in der Entwicklung von Kunststofffenstern die maßgebliche Pionierleistung erbracht zu haben.
 
Damit steht Heinrich Oßwald, heute 74-jährig, aus der damals noch kleinen eigenständigen Gemeinde Au stellvertretend für anderen Namen, die in der Zeit seit der Gründung der Bundesrepublik vor 60 Jahren mit Ideenreichtum, Tatendrang und unternehmerischem Spürsinn der Region an der Iller zum Aufschwung verholfen haben. Metallbearbeitung, Maschinenbau, Reinigungsgeräte, Pharmazie, Lebensmitteltechnologie, Handwerk, Baustoffe oder später auch Hightech-Produkte - Schwerpunkte finden sich im produzierenden Bereich. Der Branchenmix ist vielfältig und schenkt dem Illertisser Arbeitsmarkt auch in schwierigen Zeiten eine vergleichsweise starke Stabilität. Die Unternehmen haben Arbeit geschaffen in der Region und deren Bürgern in der Summe damit zu mehr oder minder bescheidenem Wohlstand verholfen. Die Verbundenheit zur Heimat ist ausgeprägt.

Heinrich Oßwald führt in den Namen seiner Unternehmenszweige das Wort „Iller“. So zum Beispiel die Bezeichnung „illerplastic“, für den Betrieb, der die erwähnten Kunststofffenster und andere Profile fertigt. Das Unternehmen mit zusätzlichen Niederlassungen in Finsterwalde (zwischen Berlin und Dresden) sowie in Kanada beschäftigt heute über 200 Mitarbeiter. Heinrich Oßwald hat die Firmen inzwischen an seinen Sohn Armin übergeben, steht aber noch Tag für Tag im Betrieb und reist auch noch fast regelmäßig für einige Wochen nach Kanada in den dortigen Betrieb. Aus unternehmerischen Entscheidungen hält er sich inzwischen heraus. Das sei das Reich seines Sohnes. Heinrich Oßwald liebt es, den grauen Arbeitsmantel überzuziehen und in die Produktionshallen zu gehen. „Ich habe immer noch das Gefühl, ich muss mit anpacken und helfen“, erklärt er. Kann er Besuchern die Fertigungsstraßen zeigen, leuchten seine Augen.

Heinrich Oßwald, Jahrgang 1935, stammt aus einer Auer Landwirtsfamilie. Sein Berufswunsch ging in eine andere Richtung. „Ich wollte Schreiner werden.“ Der Vater hat ihm das ermöglicht, kurze Zeit nach Gründung der Bundesrepublik, etwa 1951, begann er seine Lehre in einem Illertisser Betrieb, hat die Gesellenprüfung abgelegt und danach sein erstes Haus gebaut. Der Vater hat ihm den Rohbau bezahlt. Aber selbst für die Finanzierung des restlichen Ausbaus war das Geld knapp - bei damals 60 Pfennigen Stundenlohn. „Es hätte ewig gedauert, den Kredit zu tilgen.“ Also sattelte er um auf einen zweiten Wunschberuf: Werkzeugmacher. Er bekam eine Arbeitsstelle bei der Firma Wieland in Vöhringen als sogenannter Anlernling mit sofort 1,20 D-Mark Stundenlohn.

In Vöhringen arbeitete der Auer mit Werkzeugen zur Herstellung verschiedener Metallprofile. Das sollte ihm später nützlich sein. Zunächst machte er sich jedoch selbstständig. Wieder als Schreiner. Die Firma Wieland zeigte Verständnis und versorgte den jungen Unternehmer sogar noch mit Arbeit. „Regale, Werkzeugbänke. Ich hatte laufend Aufträge und schon bald 25 Angestellte. Wieland habe ich viel zu verdanken“, weiß er.

Oßwald fertigte unter anderem Rollläden aus Holz und musste beobachten, wie in kürzester Zeit der Kunststoff das Holz verdrängte. Er dachte sich: „Warum also nicht auch Fenster aus Kunststoff“, und begann zu experimentieren. Dabei kamen ihm seine Erfahrungen mit Metallprofilen sehr zu Nutzen.

1965: Der Tüftler stand vor dem Problem, die erhitzte Kunststoffmasse so in Form zu bringen, dass er Profile für Fenster und Rahmen in der gewünschten Form erhielt. Er fand die Lösung, indem er mit Vakuumkammern in den Werkzeugen arbeitete und Wasser als Kühlmittel verwendete. Mit einem von ihm entwickelten Schweißgerät löste er das Problem, die Profile an der Seite miteinander zu verbinden. Schon bald war auch geklärt, wie die Beschläge zu befestigen seien. Die Zeit war reif, nach Frankfurt zu fahren.

Bei dem beschriebenen Kongress lautete eine große Frage: Lassen sich Fenster aus Kunststoff fertigen? Oßwald trat ans Rednerpult und sagte den Experten: „Während Sie nachdenken, habe ich die Lösung. Sie liegt im Kofferraum meines Autos.“ Wenige Minuten später präsentierte er das erste Kunststofffenster. Er ist sich sicher, dass es in Europa keinen gab, der früher dran war. Oßwald meldete Patente an. Aber erwartungsgemäß dauerte es nicht lange, bis andere das gleiche Produkt auf den Markt brachten. Das Fenster aus Kunststoff eroberte einen festen Platz auf dem Markt. Weitere Oßwald-Patente folgten.

Er habe die ganze Zeit nie ans Geld verdienen gedacht, sondern immer nur seine Projekte vor Augen gehabt, blickt der 74-Jährige zurück. Wenn erzählt wird, dass „illerplastic“-Mitarbeiter, die der Firma 25 Jahre die Treue halten, mit ihren Familien einen Ferienaufenthalt in Kanada spendiert bekommen, so mag dies ein Indiz dafür sein. Wer sein Engagement für die Fußballer kennt, wird dies unterstreichen. Heinrich Oßwald kennt die finanziellen Vorteile eines Landes und Produktionsstandortes wie Kanada. Aber er würde seine Heimat nie ganz verlassen: „Deutschland ist schön, schauen Sie doch nur mal an die Iller raus“, sagt er.
 
 
zurück zur Übersicht
 
 
Quelle: Illertisser Zeitung
  Druckvorschau Diese Seite drucken
Änderungen vorbehalten
Datenschutz